Abiturrede 2000


In seiner diesjährigen Abiturrede knüpfte Schulleiter Fritz Sasse an die Erwartungen des sogenannten "Milleniums" an und übertrug sie auf die Zukunft der heutigen, aber auch nachfolgenden Abiturienten.

Im folgenden werden Auszüge aus der Abiturrede zitiert:

..... Das Wort Zukunft ist, mit anderen Formulierungen, bis vor knapp einem halben Jahr das Schlagwort gewesen, nach dem sich alles richtete. Ein anderes Wort dafür war „Millenium", heute ist es schon fast wieder vergessen. Immerhin feiern wir heute das erste Abitur im neuen, sogenannten neuen Jahrtausend, in einer, so wurde es von vielen Seiten dargestellt, neuen Epoche, die wir mit großen Festen und viel Feuerwerk begrüßt haben. Ein knappes halbes Jahr ist es her, als Rückblicke auf die vergangenen 1000 Jahre mit Ausstellungen, Büchern, Medienaufwand und vielem mehr Hochkonjunktur hatten, aber auch mit Erwartungen, Befürchtungen, mit Aufbruchstimmung verbunden waren, die uns um die Jahreswende ständig präsentiert wurden.

Was ist davon geblieben? Was ist geblieben für die jungen Menschen, z.B. die Abiturienten, die jetzt in diese, wenn es so ist, neue Epoche hineinwachsen, darin leben und arbeiten müssen? Was kommt auf sie zu, womit müssen sie sich auseinandersetzen? Oder hat sich womöglich gar nichts geändert, bleibt alles beim alten, lassen wir es also auf uns zukommen?

Zuerst einmal muss man mit oder ohne Überraschung, je nach Geschmack, feststellen, dass der Alltag wieder sehr schnell Einzug gehalten hat. Geblieben ist vom Millenium nicht viel, oder doch? Jedenfalls waren einige Befürchtungen übertrieben, unsere Computer, Daten und Uhren funktionieren noch, die Technik, die uns weitgehend beherrscht, hat nicht versagt, hat den Epochenwechsel problemlos überstanden. Es klappt doch alles. War da nicht vieles übertrieben, was uns nur unnötige Angst machte?

Auch in der Schule ist das Millenium kein Thema mehr. Wir machen unsere Arbeit wie früher, geändert hat sich nichts, anscheinend leben wir doch nicht in einem neuen Zeitalter, selbst wenn uns das einige einreden wollten.

Und doch! Wenn man genau hinhört, wird man schon merken, dass sich etwas geändert hat, sich neues anbahnt, in der Schule, aber auch in der Ausbildung und im Beruf.

Zu nennen wäre da die geplante und beschlossene Oberstufenreform mit dem veränderten Abitur. Nun könntet Ihr, für die die Schule ja mit dem heutigen Tag vorbei ist, sagen, was geht das uns an, sollen sich doch die nachfolgenden Generationen damit herumschlagen. Das wäre freilich etwas zu einfach gedacht. Denn die Oberstufenreform ist schließlich Reflex, Reaktion und Konsequenz auf das, was anscheinend nach Auffassung kompetenter Gremien im Argen liegt, wirklich im Argen liegt, was eben abgestellt, verändert, verbessert werden muss. Gemeint ist vor allem die mangelnde Allgemeinbildung, sind die Defizite in den Hauptfächern Deutsch, Englisch und Mathematik und in den Naturwissenschaften, natürlich auch in den Gesellschaftswissenschaften, eigentlich überall. Erschreckend sei, was die Abiturienten an Fähigkeiten und Fertigkeiten vermissen lassen, um ihren Mann oder ihre Frau im Studium und Beruf zu stehen. Spezialwissen ist nicht mehr gefragt, wenn es denn je vorhanden war, weil sich ja eh alles so schnell ändert, Flexibilität und Mobilität auch in der Wissensaneignung, um die Welt, die Berufswelt und den Mitmenschen besser verstehen und einordnen zu können, darum muss es gehen.

Das müsste in der Konsequenz bedeuten, dass Ihr, aber auch viele Abiturienten früherer Jahrgänge Defizite aufweisen, was Euch ein Zurechtfinden in der Zukunft nicht leicht macht........

Im weiteren Verlauf gab er einen Überblick über die Erkenntnisse der neuesten Shell-Studie, die zumindest in Ansätzen optimistisch klingt:

......Die Jugendlichen schauen wieder optimistisch in die Zukunft. 50 % der 15- bis 24-Jährigen sehen dies so, vor 4 Jahren lag die Zahl noch unter 35 %. Und das, obwohl die Globalisierung weiter voran schreitet, die Arbeitslosigkeit unverändert hoch, die Aussichten, ein Leben lang den gleichen Arbeitsplatz zu haben, eher gering sind.

Dafür gebe es, so die Erkenntnis der Studie, nur eine Erklärung: Die Verunsicherung ist für die Jugendlichen durchaus bearbeitbar geworden. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen seien bereit, ihre persönliche Zukunft zu meistern und sich den Herausforderungen der modernen Welt zu stellen.

Wie grundlegend sich die Einstellung der Jugendlichen gewandelt hat, macht der Blick zurück deutlich. Vor zwanzig Jahren waren noch Zukunftsangst und Pessimismus die vorherrschenden Lebensgefühle einer Generation. Davon ist bei den Enkeln der 68 er nichts mehr zu spüren. Wie die Befragung von über 4.500 Jugendlichen sowie erstmals zusätzlich 650 in der Bundesrepublik lebenden Türken und Italienern ergeben hat, ist da eine Generation von „pragmatischen Realisten" herangewachsen, die ihre Chancen ebenso sieht wie die damit verbundenen Risiken, die nüchtern und illusionslos ihren Platz in der Gesellschaft sucht und doch um die Probleme der Welt anscheinend Bescheid weiß. Insofern seien die jungen Menschen, so die Autoren der mittlerweile 13. Shell-Studie, "schon in der Zukunft angekommen".

Das Hamburger Freizeit - Forschungsinstitut hat bei einer kürzlich veröffentlichten Umfrage unter 3000 Schülern und Studenten festgestellt, dass sich über 40 % zur Leistungsgesellschaft bekannten. Ist das nun viel oder noch viel zu wenig? Immerhin doch wohl ein Trend, wenn man weiß, dass es vor 8 Jahren keine 30 % waren. Der Leiter des Instituts glaubt, dass Jugendliche gestalten und eine Lebensaufgabe haben wollen, das Lebensziel hat sich demzufolge im Trend verändert.........

..... Hier aber nun beginnt das Problem......

..... Die Erwartungshaltung ist groß, geprägt von gesellschaftlichen Konsumangeboten jedweder Art für den Lebensgenuss schlechthin. Die Tendenz zu besitzen, zu konsumieren und zu genießen wird zum erstrebenswerten Ziel, für das man zu arbeiten durchaus bereit ist. Kann aber der eigene Anspruch wirklich erfüllt werden, ohne die Ansprüche an Leistung und Fähigkeiten außer acht zu lassen?

Die Schule, speziell das Gymnasium, scheint da wohl an vielen Stellen zu versagen. Wir Lehrer und unser Schulsystem können wohl die Voraussetzungen nur ungenügend schaffen, um auf die Arbeitswelt vorzubereiten. Daher die Reformen. Reichen aber Reformen aus, um junge Menschen besser auszubilden?

Schule, Gesellschaft, Wirtschaft und Individualismus bilden für den Jugendlichen einen Raum mit untrennbar miteinander verwobenen Voraussetzungen und Lebenseckwerten, aus denen sich der Jugendliche nicht lösen kann, die er annehmen muss.

Schule, das ist mehr als nur 13 Jahre pauken und Bildung erfahren, das ist Persönlichkeitsformung, die mit Lehrern und anderen Faktoren vonstatten geht, dafür trägt der Jugendliche, vor allem im fortgeschrittenen Alter ein hohes Maß an Eigenverantwortung. Gesellschaft, das sind die großen, z.T. unpersönlichen, aber auch die kleinen sehr nahestehenden Einflüsse, von denen man abschaut, die man nachahmt und denen man genügen will oder auch nicht. Es ist ähnlich wie in der Schule und der Wirtschaft der Raum, in dem ich Anerkennung finden will, in dem ich mich behaupten muss, aber in dem ich mich auch geborgen und wohlfühlen möchte. Also der Sinn des Lebens, der verbunden sein muss mit der Vorstellung sozialen Handelns in jeder Form, möglichst gegenüber jedem. Dessen muss ich mir als Abiturient bewusst sein. Es ist also nicht nur die Erfüllung meines Konsumanspruchs, sondern mein ständiges Lernen und Handeln in der Verantwortung gegenüber mir selbst und meiner Umwelt.

Das verlangt vor allem eine moralische und philosophische Kompetenz, die Ihr Euch erwerben müsst, von deren Existenz Ihr in der Schule, auch und gerade in unserer Schule, einiges erfahren und vieles gehört habt. Reicht die Menge dieser Kompetenz in Zukunft aus, bei allen jungen Menschen, die in den Beruf streben, um damit verantwortungsvoll umzugehen, was die Intelligenz der Wissenschaft erfunden hat? Oder ist es nur Mittel zum Zweck, um meine persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen? Dann wäre Schule sehr zweckentfremdet und hätte ein oberstes Lernziel verfehlt: Die Erziehung zum moralischen Menschen. Wenn das Eure Lehrer nicht vermitteln können, aus ihrer Persönlichkeit selbst, dann helfen auch keine Reformen, sie bleiben nur Klischee eines fragwürdigen Wissenskanons, den es bald in kürzerer Zeit mit höherer Qualifikationserwartung zu vermitteln gilt.

Die Sicherheit in der materiellen Geborgenheit ist verständlich und verlockend zugleich, darf aber niemals Selbstzweck sein, eine wichtige Prämisse für das neue Jahrtausend. Die politische und gesellschaftliche Verantwortung darf auch von Euch nicht aus den Augen gelassen werden, muss auch von Euch ständig neu überdacht und praktiziert werden.....

..... Was bleibt von dem Millenium außer der Katerstimmung nach dem Fest? Es bleibt, und auch da spreche ich Euch im Besonderen an, die Erkenntnis, dass die Berufswelt Euch viele neue Chancen bietet, wenn Ihr sie annehmen wollt. Dass aber ohne bestimmte Fähigkeiten, die letztlich auf der Allgemeinbildung basieren, und dazu gehören nicht nur die klassischen Schulfächer, sondern vor allem die soziale Intelligenz und ein moralisch und humanistisch geprägtes Denken, dass ohne diese Fähigkeiten Euch kaum Erfolg beschieden ist.

Eine hochinteressante Beobachtung hat jüngst ein Professor

für empirische Sozialforschung an der Universität Bamberg veröffentlicht: Im Vergleich der neunziger Jahre mit der Zeit vor 50 Jahren stellt er fest: In der sog. alten Zeit war die Welt das Gegebene, an das sich das Ich anzupassen hatte. Heute hat sich das Verhältnis um 180 Grad gedreht – wenn überhaupt noch etwas als gegeben betrachtet wird, dann das Ich. Anzupassen hat sich die Welt, die in atemberaubend kurzer Zeit zu einem Feld größtmöglicher beliebiger Wünsche hochgerüstet wurde......

..... Ein junger Abiturient mag sich darüber bewußt werden können, wenn er nur intensiv genug darüber nachdenkt. Kann er aber dem entgegen steuern und die Notwendigkeit dazu erkennen? Ich selbst kann Euch nur auffordern: Denkt darüber nach.

Wenn alles so schnell geht, wenn alles so beliebig wird und die Verfallszeit unseres Wissens rapide abnimmt, was sollen wir Lehrer Euch noch beibringen? Wenn ich sage, dass ein Wissen auf Vorrat nicht mehr viel Sinn hat, dann würde ich dabei eine Ausnahme machen: Philosophisches und moralisches Denken, wie ich glaube, sind die Fixpunkte, die wir brauchen, um uns in der zukünftigen Welt dieses neuen Jahrtausends zurecht zu finden. Es ist die Ebene die wir brauchen, damit menschliche Kontakte nicht völlig an der Oberfläche bleiben.....

..... Um diese Form von Erziehung und Lehre haben wir uns immer bemüht. Es hat viel Kraft gekostet, übermäßig viel Verständnis und Augenzudrücken, bis zum ab und an resignierten Kopfschütteln, es war nicht leicht, diesen Jahrgang zum Abitur zu führen. Jetzt sitzt Ihr vor uns, habt das getan, was Ihr leisten wolltet oder konntet, auch wir haben das unsere getan, wie schon so oft in den vielen Jahren zuvor.

Es bleibt zu hoffen, dass Ihr Abiturienten mit gutem Augenmaß und sachlichem Verstand nachvollziehen könnt, welchen Dank Ihr eigentlich allen Euren Lehrern zollen müsst. Es ist nicht alles so selbstverständlich, was geleistet wurde für das Bestehen Eures Abiturs, auch an unserer Schule nicht, die ja für ihre besondere Betreuung bekannt ist....

....Was bleibt? Das Meckern, aber auch das Hochjubeln der Jugend gehört zur Tradition und hat eigentlich überhaupt keinen Wert. Beobachtungen machen und feststellen, was sich verändert hat, ist zwar wichtig, muss sein, eben auch bei einem solchen Anlass wie heute, daraus Konsequenzen zu ziehen, obliegt aber nicht nur der Jugend, vielleicht zu diesem Zeitpunkt jetzt, bei ihr am wenigsten. Wir Erwachsene in allen unseren Rollen, als Eltern, Geldgeber, Lehrer, Politiker, Arbeitgeber, usw. wir sind gefragt. Wir müssen darauf achten, was es bedeutet, unseren Kindern beizubringen, Pflichten zu erfüllen, pünktlich zu sein, überhaupt anwesend zu sein, Aufträge zu erfüllen, usw.. Vielleicht sind wir in vielen Dingen zu nachlässig geworden. Ist ja alles nicht so schlimm. Mit dieser Form von Lockerheit sind wir, was Erziehung oder Leitbildfunktion angeht, vielleicht doch manchmal auf dem falschen Weg. Und doch sind auch wir nur ein Produkt unseres früheren Lebens. Nur tragen wir jetzt höhere Verantwortung und haben mehr Erfahrung. So gelten meine Worte auch Ihnen und uns, eben den Erwachsenen. Nehmen wir letztlich aus dem Gesagten den notwendigen Optimismus mit.....